Leisten – Funktionieren – oder Genießen.

Die gegenwärtige Arbeitswelt, aber auch die Freizeit sind oft mit Druck und Stress verbunden. Termin reiht sich an Termin. Verschnaufpausen sind kurz. Tätigkeiten sollen immer schneller erledigt werden. Und nach der Arbeit kommt der Sport. Leider dominiert auch da das Leistungsprinzip. Schritte werden gezählt und müssen am nächsten Tag gesteigert werden. Kilometer, Minuten und Höhenmeter dominieren die Freizeit. Sport nicht zum Ausgleich oder zur Erholung sondern um Rekorde zu sammeln.

Haben wir das Genießen verlernt. Oder waren wir gar nie in der Lage Lust zu verspüren. Lust, diese treibende und vitale Kraft, die uns angeboren ist. Beim Beobachten von Kindern, die mit Hingabe stundenlang spielen und dabei die Welt um sich herum vergessen, ist diese Kraft und Freude zu sehen. Auf dem Weg zum Erwachsenen wird sie weniger und vergeht. Können wir nicht mehr genießen?

Dabei sprechen wir so gerne vom Genießen, von Genussreisen, Genusshotels, Genusswochen oder Genusswelten. Diese Dinge sind aber zumeist nur Konsum auf hohem Niveau. Mit Genuß haben sie oft nichts zu tun. Genießen funktioniert nicht auf Befehl, aus dem Stand heraus oder durch Zahlung eines hohen Geldbetrages.

Auf Genuss muss ich zugehen, mich darauf einlassen. Ich möchte genießen, nicht leisten, funktionieren oder brav sein. Das Schöne und Genussvolle ist individuell und ich muss mich dafür öffnen. Ich brauche dazu Empfindungsfähigkeit, Erlebensfähigkeit, Begeisterungsfähigkeit und Genussfähigkeit. Genau die Dinge, die bei Depressionen in der umgekehrten Reihenfolge verloren gehen: Erst der Genuss, dann die Begeisterung, das Erleben und schließlich die Empfindungen.

Nach dem Zugehen und dem sich Öffnen benötigt Genuss auch, dass ich mich der Sache voll hingebe. Das macht oft Angst, da es mit Kontrollverlust, Unsicherheit und Verletzlichkeit verbunden sein kann. Lohn dafür ist aber das Erleben von Schönem, Freude und Liebe. Ich muss mich einfach beschenken lassen, das annehmen. Es geht darum, dass ich etwas bekomme, auch ohne etwas zu geben. Es ist kein Tauschhandel. Und schließlich sollte ich dieses tiefe Erleben noch reflektieren können, damit mir bewusst wird, dass ich heute genieße.

Ein Experte für das Thema des Schönen und Genießens ist Primar Univ. Prof. Dr. Michael Musalek, dessen Vorträge die heutige Kolumne geprägt haben.